The Greyhound Show

6.3.2018

Was früher gut war…

Filed under: Auf den Greyhound gekommen,Gesundheit,Standesamt — admin @ 15:01

…kann heute doch nicht schlecht sein!?

Dee Rock

Dee Rock, Sieger des Waterloo Cups (1935) und Gewinner der Waterloo Purse (1933).Außerdem Vater der Waterloo Cup-Sieger 1939, 1940, 1941 and 1942.

Spricht man mit Züchtern, die schon länger „im Geschäft“ sind, über Neuerungen im Zuchtwesen, hört man oft: „Was sollen diese ganzen Auflagen und Untersuchungen? Früher gab’s das auch nicht, und damals hat man auch keine schlechteren Hunde gezüchtet. Ganz im Gegenteil!“
Und dann werden gerne Beispiele von Hunderassen angeführt, die sich in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren tatsächlich zu ihrem Nachteil entwickelt haben: Schäferhunde mit Fließheck, die kaum noch um die Kurve laufen können, ohne umzufallen, Bulldoggen, die vor lauter Kurzköpfigkeit keine Luft mehr bekommen oder Molosser, die inzwischen so faltig sind, dass sie aussehen wie wandelnde Totalschäden.
Auch werden alte Fotos aus dem Hut gezaubert, auf denen kraftstrotzende Afghanische Windhunde zu sehen sind, denen die Wildheit aus dem Auge funkelt. Oder eben sehr funktionale und dabei wunderschöne Greyhounds wie der rechts abgebildete.
Das alles wird als Referenz herangezogen um zu begründen, warum man auch heute lieber keine Auflagen hinsichtlich Gesundheitsuntersuchungen, mehr Transparenz im Zuchtwesen oder – Gott bewahre – gar Vorgaben zur regelmäßigen Fortbildung von Züchtern haben möchte.
Diese Argumentation unterliegt aber gleich mehreren Denkfehlern. Denn das, was früher gut und richtig war, ist es heute möglicherweise nicht mehr. Nachfolgend ein paar Begleitumstände der Hundezucht, die sich grundlegend verändert haben.

Ohne den Globalisierungsgegnern das Wort reden zu wollen: Die Welt ist inzwischen ein Dorf. Dank wesentlicher Verbesserungen des Verkehrswesens ist das Reisen – selbst über Kontinente hinweg – heute erheblich leichter und selbstverständlicher geworden als noch vor 40 oder 50 Jahren. So stellt es heute keinerlei Problem mehr da, mit der läufigen Hündin im Gepäck auch weit entfernte Deckrüden fristgerecht zum Deckakt aufzusuchen. „Deckreisen“ von Deutschland nach Frankreich, England, Skandinavien oder Osteuropa sind keine Seltenheit mehr.
Zusätzlich hat die Reproduktionsmedizin enorme Fortschritte gemacht: Instrumentelle Besamung ist auch bei Hunden längst ein Routineeingriff, Kryokonservierung von Sperma macht es möglich, Samen begehrter Deckrüden um die ganze Welt zu schicken, und auch das Erbgut längst verstorbener Rassevertreter kann wieder und wieder in die Population eingebracht werden.
Diese Instrumente sind zunächst wertneutral zu betrachten, sie können je nach Verwendung Fluch oder Segen für die moderne Hundezucht bedeuten.
Bevor es diese Möglichkeiten gab, waren Rassehund-Populationen meist regional sehr begrenzt. So haben sich die einzelnen Rassen ursprünglich überhaupt erst herausgebildet: Angepasst an ihre jeweilige Aufgabe und an ihren jeweiligen Lebensraum. Das verfügbare Zuchtmaterial beschränkte sich üblicherweise auf eigene Nachzucht oder die Tiere aus der unmittelbaren Nachbarschaft.
Damit war Inzucht unvermeidlich, der steigende Inzuchtgrad führte zu einer Vereinheitlichung des jeweiligen Rassetyps und zu einer zunehmenden Festigung der erwünschten Eigenschaften.
Aber es fand – und darüber sollte man sich keine Illusionen machen – gleichzeitig auch eine strenge Selektion statt. Tiere, die nicht den Leistungsanforderungen entsprachen, die mit Kost, Haltungsform oder Witterungsbedingungen nicht klarkamen, wurden gnadenlos ausgemerzt. Welpen, die missgebildet, schwächlich oder auch einfach überzählig waren, wurden gar nicht erst großgezogen.
Frisches Genmaterial konnte in solche „Subpopulationen“ nur über regionale Märkte oder durch Menschen auf Wanderschaft gelangen. So existierten innerhalb eines Landschlags oder gar einer Rasse stets viele kleine Subpopulationen, die in sich genetisch stark gefestigt, die aber mit den anderen Subpopulationen nur weitläufig verwandt waren.
Auf diese Weise gab es immer die Möglichkeit, einen Outcross innerhalb der eigenen Rasse zu finden, der anderes Genmaterial im Angebot hatte, aber auch die grundlegenden gleichen, erwünschten Eigenschaften. Diese Zeichnung mag es verdeutlichen:

Inzucht in unterschiedliche Richtungen innerhalb der einzelnen Subpopulationen einer Rasse schadet der genetischen Diversität insgesamt wenig.

Von diesen Zuständen sind wir in der Hundezucht bei den meisten Rassen inzwischen meilenweit entfernt. Viele Hunderassen haben bereits im letzten oder auch vorletzten Jahrhundert ihren Siegeszug um den Globus angetreten. Zum Teil, weil sie als Arbeitshunde „ihre“ Viehherden begleiteten, oder weil sie von Auswanderern mit auf die große Reise genommen wurden. Auch der weltweite Im- und Export talentierter Jagdhunde oder besonders nachgefragter Liebhaber-Tiere findet seit mehr als einem Jahrhundert statt. Dennoch blieb die grundlegende Struktur der Rassepopulationen gleich: Viele kleine Subpopulationen, die in sich geschlossen und genetisch wenig variantenreich waren. Und zwischen denen zwar nur sporadisch ein Austausch bestand, der in diesen seltenen Fällen aber in aller Regel einen echten Outcross darstellte und der dann auch dringend benötigtes Gen-Material beisteuerte. „Popular Sires“ gab es damals schon, aber in Ermangelung der heutigen Möglichkeiten war auch deren Einfluss regional begrenzt. Selbst wenn mal ein Zuchttier von einem Kontinent auf den anderen verbracht wurde, verblieb es in aller Regel dort. Selektiert wurde auch im letzten Jahrhundert emsig, noch bis in die 1970er-Jahre war es in vielen deutschen Rassezuchtvereinen Praxis, dass pro Wurf nur sechs Welpen Papiere erhielten und der Überschuss „gemerzt“ wurde.
Also gilt auch hier das oben bereits verwendete Bild:

Zahlreiche in sich “geschlossene” Subpopulationen bieten die Möglichkeit, jederzeit einen Outcross mit einem wenig verwandten Tier innerhalb der eigenen Rasse vornehmen zu können.

Was sich denn seitdem verändert, dass auf einmal die lang gepflegte In- und Linienzucht nicht mehr das züchterische Werkzeug der Wahl sein darf? Dass man auf einmal – je nach Rasse – auf eine mehr oder weniger ausgeprägte Riege an Krankheiten mit genetischer Komponente testen soll? Dass man auch als langjähriger erfolgreicher Züchter angehalten wird, sich in Bezug auf Vererbungslehre, Populationgenetik, Verhalten oder Gesundheit von Hunden fortzubilden?
Die Antwort ist einfach:

Während es bis vor ungefähr dreißig Jahren viele kleine „durchgezüchtete“ Subpopulationen gab, die alle unter dem Dach der Rasse zusammengefasst wurden, geht heute der Trend dazu, diese einzelnen „genetischen Inseln“ im großen Gesamt-Genpool der Rasse aufzulösen. Das an sich wäre nicht so schlimm, fände eine gleichmäßige Verteilung des Genmaterials unter Berücksichtigung aller bekannten Zuchtlinien statt. Und stünde eine sinnvolle Zuchtstrategie dahinter, die verhinderte, dass ein großer „genetischer Einheitsbrei“ geschaffen wird, in dem dann alle Tiere nach wenigen Generationen eng miteinander verwandt sind.
Beides finden wir bei den meisten Hunderassen jedoch nicht, auch nicht in der Greyhound-Zucht. Die Folge: Die weltweit ohnehin schon sehr überschaubare effektive Population an Show-Greyhounds wird noch kleiner, weil überall nur wenige, eng miteinander verwandte Zuchttiere zum Einsatz kommen. Durch die oben angesprochenen neuen Möglichkeiten ist es heutzutage kein Problem mehr, einen „Popular Sire“ aus Europa auch regelmäßig in den USA einzusetzen. Andere, zur Zeit wenig populäre Zuchtlinien sterben aus. Insbesondere bei unserer Rasse mit der äußerst geringen Welpennachfrage stellt das ein zunehmendes Problem dar. Stellt man sich dem Wagnis, einen Wurf Show-Greyhoundwelpen in die Welt zu setzen, hilft ein bekanntes Elterntier enorm, überhaupt Interessenten für die Welpen zu bekommen. So werden wenige Rüden überproportional oft eingesetzt. Das ist umso besorgniserregender, als diese Rüden selbst schon stark ingezogen sind und mit einem massiven Ahnenverlust im Gepäck daher kommen.
Dr. Barbara Kessler hat das bei ihrem Vortrag anlässlich des 1. Greyhound World Congress‘ in Oslo beispielhaft am Vorkommen von „Treetops Hawk“ aufgezeigt. Die aktuell in fast allen Pedigrees von Show-Greyhounds auftauchenden „Popular Sires“ sind Abkömmlinge von „Treetops Hawk“.
Betrachtet man jeweils deren Abstammung über 12 Generationen, trifft man diesen „Wunderhund“ erschreckend oft an:

  • Windrock Fernando (1999) → 507x (25,7)
  • Boughton Benvoluto (2000) → 449x (29,0%)
  • Epic Brave at Sobers (2001) → 470x (25,2%)
  • Showline Sporting Trophy at Sobers (2009) → 493x (17,6%)

Wenn man sich dann das Zuchtgeschehen in Deutschland anschaut, findet man in allen drei im letzten Jahr (2017) in Deutschland gefallenen Show-Greyhoundwürfen die oben aufgeführten Rüden wieder:

  • Grian Gryjandi: Windrock Fernando, Epic Brave at Sobers
  • Royal Bunnycatcher’s: Windrock Fernando, Boughton Benvoluto, Epic Bombastic (Vollbruder zu Epic Brave)
  • Ina’s Fashion: Windrock Fernando, Boughton Benvoluto, Epic Brave at Sobers

Da sollte es nicht verwundern, dass wir inzwischen fast regelmäßig neue genetische Defekte beim Show-Greyhound entdecken. Und auch nicht, dass zunehmend solche Krankheiten bei Show-Greyhounds diagnostiziert werden, die mit genetischer Verarmung und hohem Inzuchtgrad assoziiert werden.

Die Übernahme der in früheren Zeiten sinnvollen – und damals meist auch einzig möglichen – Zuchtverfahren (regelmäßige In- und Linienzucht mit nur sporadischen Outcrosses) in die Gegenwart hat dazu beigetragen, etliche Hunderassen in genetische Sackgassen zu führen.
Um diese nicht zum Niedergang der gesamten Population werden zu lassen. braucht es Züchter mit Weitblick, die unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und Nutzung aller zur Verfügung stehenden Instrumentarien grenzübergreifende Zuchtstrategien entwickeln und umsetzen.

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