The Greyhound Show

1.2.2018

„Maria, ihm schmeckt’s nicht!“

Filed under: Auf den Greyhound gekommen,Gesundheit — admin @ 21:21

Ist man mit einem Greyhound unterwegs, kennt man die Sprüche: „Geben Sie dem doch mal was zu Fressen, der ist ja halb verhungert!“, „Müssen die so dünn sein?“ oder „Ach, Sie halten den bestimmt so knapp, damit er schneller rennen kann, stimmt’s?“.
In Wahrheit gibt es recht viele ziemlich verfressene Greyhounds. Insbesondere einige Hündinnen können es an Einfallsreichtum bei der Nahrungsbeschaffung mit der sprichwörtlichen Elster aufnehmen. Ich erinnere mich gut an eine betagte Greyhound-Hündin, die eine Zeitlang meine Leben teilte. Auf einer Hundeausstellung wollte ich sie mit zum Löseplatz mitnehmen, eher widerwillig hoppelte sie hinter mir her. Irgendwann wurde der Zug auf der Leine noch stärker, und als ich mich umdrehte, trug die alte Dame einen ganzen Ochsenziemer quer in der Schnute – keine Ahnung, wo sie den herhatte! Sie konnte auch stundenlang eher scheintot am Ringrand schnarchen, um dann – in einem unbeobachteten Moment – quer durch den Ring zum Richtertisch zu stokeln und sich des Richters Tortenstück von selbigem zu mopsen…
Die junge Hündin im Bild hat auch schon verstanden, dass Eigeninitiative gefragt ist – die Stulle stammt ebenfalls von einem Richtertisch.
Was hat das aber mit der Überschrift dieses Artikels zu tun?

Nun, es gibt Greyhounds, die kommen als Mäkler auf die Welt – und bescheren ihren Haltern mit dieser Eigenschaft das eine oder andere graue Haar. Auf der anderen Seite gibt es natürlich „anerzogene Mäkler“ – Greyhounds mit ihrem Hang zum Luxus nehmen Einladungen, sich zu verwöhnten Bratzen zu entwickeln, nur zu gerne an.

Die „anerzogene Mäkeligkeit“ ist sicher am leichtesten zu beheben – Konsequenz, zu den Mahlzeiten das gleiche Futter immer wieder anbieten (frisch zubereitet, natürlich), keine Snacks, kein Food-Pimpen, kein ständiger Futterwechsel, eventuell Konkurrenz durch einen anderen Hund. Dann kommt es auch zu solchen „Wunderheilungen“, wie es oft beschrieben wird: Ein mäkeliger Greyhound kommt in neues Rudel, und da frisst er auf einmal!
Bei den Hunden, die von Natur aus mit kapriziösem Fressverhalten ausgestattet sind, liegt der Fall etwas anders. Dass dieser Fall vorliegen könnte, merkt man daran, dass bei gleicher Haltung beim gleichen Menschen der eine Hund komplett unauffällig im Fressverhalten ist, der andere aber der Mega-Mäkler.
Ich habe selbst inzwischen diverse eigene Hunde unterschiedlicher Rassen jeweils von Kleinauf und immer von guten Züchtern (wo sie unter anderem auch eine ordentliche Futterprägung erhielten) großgezogen. Da war von Müllschlucker bis zur Twiggy alles dabei.
Woran der eigentlich unphysiologische Appetitmangel rührt, ist bisher kaum wissenschaftlich untersucht. Es scheint aber eine genetische Komponenten zu geben, zumindest gibt es familiäre Häufungen. Mein Urenkel der eingangs beschriebenen diebischen Elster ist jedenfalls auch zuverlässig sehr verfressen, wohingegen mein Mäkler diverse eher sparsam appetente Verwandte sein eigen nennen kann. Übrigens sind „schlechte Fresser“ nicht immer auch Hunde mit dünnem Nervenkostüm – mein verfressenster Hund war der, der wegen massiver Wesensmängel keine Zuchtzulassung erhielt.
Trotzdem sollte “normales Fressverhalten” ein wichtiges Kriterium bei der Zuchtwahl sein. Ebenso sollten “abwechslungsreiche Futterprägung” und “in Konkurrenz fressen, was auf dem Tisch kommt” bei jeder Aufzucht vorkommen. Wenn man dagegen beispielsweise sieht, dass Nachkommen eines im Fressverhalten mehr als problematischen Rüden  auch noch beim Züchter direkt einzeln mit dem Löffelchen gefüttert werden, können einem die künftigen Besitzer nur leid tun.

Im Falle eines „Natural Born Mäklers“ hilft es überhaupt nicht, wenn Leute aus dem Umfeld wohlmeinende Ratschläge geben à la: „Der Hund muss fressen, sonst entwickelt der sich nie richtig. Versuch‘ doch mal x, y oder z. Und Du musst konsequent sein!“ oder „Das ist reine Erziehungssache. Vor dem Napf ist noch keiner verhungert!“
Das treibt insbesondere Menschen, die sich mit Bedacht einen Welpen für die Zucht oder Ausstellung ausgesucht haben, regelmäßig in den Wahnsinn und erhöht bei jeder Fütterung den psychischen Druck.
Ja, vermutlich wird ein solcher Hund nie sein ganzes genetisches Potential für körperliche Entwicklung ausschöpfen. Damit sollte man sich irgendwann abfinden.
Was oft hilft, ist eine Überprüfung des Fütterungsregimes:

Wann wird gefüttert?
Am besten nicht im größten Trubel, oder unmittelbar, bevor die Bezugsperson zur Arbeit aufbricht. Denn dann ist der Hund möglicherweise zu angespannt oder abgelenkt zum Fressen. Auch an sich leichtfuttrige Greyhounds leiden übrigens gerne mal an Appetitmangel, wenn man ihre gewohnte Routine z.B. durch eine Urlaubsreise oder eine Übernachtung in fremder Umgebung unterbricht.

Wo wird gefüttert?
Besser nicht in irgendeinem Durchgang oder in der Küche, wo auch gerade die beiden Kindergartenkinder beim Kochen helfen. Oder der Rest der Familie um den Napf steht nach dem Motto: „Na, frisst er heute? Nun friss‘ doch mal, Flocki, ist doch lecker. Schau‘ mal – mmmmh!“ Hier kann es sinnvoll sein, den Hund mit dem Napf einige Zeit in einen ruhigen separaten Raum zu bringen, wo er mit Ruhe fressen kann. Bei meinem Kandidaten tat es zu diesem Zweck auch der Kofferraum meines Vans sehr gut.
Das Gleiche gilt, wenn noch andere Hunde im Haushalt leben. Wie ist die Beziehung zwischen den Hunden – traut sich der Mäkler vielleicht gar nicht in Gegenwart seiner forscheren Rudergenossen an den Napf?

Wie oft bzw. in welchen Abständen wird gefüttert?
Dass ein fünf Mal am Tag gefütterter Hund vielleicht nicht bei jeder Mahlzeit den gleichen Appetit zeigt (außer, er ist ein Labrador), ist nicht ungewöhnlich. Es gibt aber auch Hunde, die keinen Appetit zeigen, weil die letzte Fütterung zu LANGE zurück liegt. Das sind dann die Hunde, denen es zu schlecht zum Fressen ist – sie haben eine Art Sodbrennen, und man hört auch oft den Magen knurren und quietschen. Das ist wie bei uns Menschen, wenn wir den ganzen Tag nicht zum Essen gekommen sind, und beim Abendbrot dann kaum etwas herunter bekommen.
Hier hilft es, einigermaßen feste Fütterungsabstände einzuhalten. Mein Mäkler frisst z.B. sehr zuverlässig während der Woche, wo die Arbeitszeiten auch die Fütterungszeiten vorgeben. Am Wochenende, wo je nachdem mal sehr früh aufgestanden wird, oder lang ausgeschlafen, oder wir auch manchmal erst sehr spät nach Hause kommen, sieht das anders aus. Wobei ich keine festen FütterungsZEITEN propagiere, die können das Problem (bei Nicht-Einhalten) nur verstärken.
Wenn ich merke, dass der Hund noch nicht mal aufsteht, wenn ich das Futter zubereite, muss Plan B her. Der beinhaltet eigentlich nur, dass der Hund was in den Magen bekommen muss, damit später noch mehr dazu kommen kann. Also biete ich ihm entweder etwas an, dem er nicht widerstehen kann (ein Stückchen Dörrfleisch, Wurst oder Käse), und das er aus Futterneid dann doch irgendwie ‘runterwürgt. Oder stopfe ihm eine Handvoll Trockenfutter-Kroketten einzeln in den Rachen. Ungefähr zehn Minuten später kommt der Hund dann von selbst und fordert seinen Napf. Auch, wenn ich absehen kann, dass der Abstand zur nächsten Fütterung länger als gewöhnlich werden wird, gebe ich einfach einen kleinen Snack zwischendurch.
Hat man nur einen Einzelhund und füttert eine Nahrung, die längere Standzeiten toleriert, ohne gleich gesprächig zu werden, kann man das Futter auch länger stehen lassen. Oft fressen solche Hunde dann in der Nacht den Napf leer, wenn alles und sie selbst zur Ruhe gekommen sind.

Ach ja, und natürlich hilft insgesamt eine gewisse Gelassenheit. Seit die Ausstellungskarriere des Mäklers beendet ist, frisst er natürlich besser. Insbesondere, seit der andere Greyhound-Rüde da ist, dem er nicht den Dreck unter den Krallen gönnt (bei allen anderen Hunden aus unserem Rudel war es ihm dagegen egal). Wir haben uns auf ein Futter „geeinigt“, das wird mit Fettpulver angereichert, und so fahren wir inzwischen ganz gut.
Und wenn wir unterwegs sind, ist das inzwischen auch kein Problem mehr. Da wird der Greyhound einfach „überrumpelt“, indem ihm sein ultimatives Lieblingsfutter angeboten wird, welches es sonst nicht gibt. Wichtig dabei ist, nicht in der Fremde erstmal mit dem gewohnten Mampf anzufangen, sondern gleich „in die Vollen“ zu gehen. Je nach Hund können das gefriergetrocknete Nuggets sein, Halbfeucht-Futter, leckere Nassnahrung oder von Zuhause mitgebrachte Seidenbällchen:
.
Hauptsache, dem Hund schmeckt es und er vergisst darüber, dass er eigentlich gerade kapriziös sein möchte. Und dann ist es auch vollkommen wurscht, wenn sich seine Greyheit für ein paar Tage nicht ganz ausgewogen ernährt.
In diesem Sinne: Bon Appetit!

Text: Barbara Thiel, Foto “Zoey mit Stulle”: Kristina Kosmas

Keine Kommentare »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Leave a comment

Powered by WordPress