The Greyhound Show

13.1.2018

Der Deckrüdenbesitzer

Filed under: Auf den Greyhound gekommen,Standesamt — admin @ 13:28


In der letzten Zeit bin ich mehrfach über eine für mich befremdliche Ansicht über Deckrüden-Besitzer gestolpert. Sinngemäß ging es darum, dass man die Anforderungen an mögliche Deckrüden bzw. den Aufwand für dessen Eigentümer so gering wie möglich halten solle, um diese Rüden überhaupt zur Zucht einsetzen zu können.

Natürlich ist es so, dass viele unserer Windhund-Welpen in Liebhaber-Hände gehen. Wo sie ein gutes, artgerechtes Leben führen, deren Halter aber keinerlei Ambitionen verspüren, Ausstellungen zu besuchen oder im Hundesport aktiv zu werden. Das trifft wohl auf die meisten in Deutschland gezüchteten Rassen zu.
Dennoch habe ich mich damals beim Kauf meines zweiten Hundes bewusst für einen Rüden entschieden. Ich wollte mir die Option offen halten, den Hund in die Zucht zu bringen, sollte er sich zu einem typvollen, leistungsstarken und gesunden Rassevertreter entwickeln. Denn als Studentin konnte ich nicht absehen, ob ich im selben Fall bei einer Hündin die Voraussetzung zur Gründung einer eigenen Zuchtstätte zeitnah würde erfüllen können.
Mein neuer Hund gehörte einer Rasse an, bei der die Zucht-Auflagen für die Rüden an sich gleich hoch waren wie für Hündinnen: mindestens zwei Verhaltens- und Exterieur-Beurteilungen erfolgreich bestehen, eine befundlose Augenuntersuchung, ein gutes Ausstellungsergebnis, ein einwandfreies HD-Röntgenergebnis und ein DNA-Test. Damit ein Rüde aber richtig interessant für die Züchter wurde, musste er meist noch „ein bisschen mehr“ mitbringen. Also legte ich mit meinem Rüden eine Begleithunde-, eine Schutzhunde-, eine Ausdauer- sowie eine Fährtenhunde-Prüfung ab, errang mit ihm diverse Schönheits-Championate und -Titel und stellte ihn freiwillig regelmäßig zum Herz-Ultraschall vor.
Das alles unter der Prämisse, dass die Einsätze des Rüden trotzdem auf fünf Deckakte in Deutschland beschränkt bleiben würden – egal, wie groß die Nachfrage wäre. Zudem handelte es sich um einen Verein, der schon zu dieser Zeit das Werkzeug „Zuchtwertschätzung“ mit Bedacht verwandte – es hätte also sein können, dass mein Rüde trotz ansprechender Eigenleistung durch ungünstige Befunde seiner Verwandtschaft wenig attraktiv für eine Zuchtverwendung geworden wäre. Nun ja, es ging alles gut, mein Rüde deckte erfolgreich mit Sondergenehmigung sechsmal in Deutschland sowie weitere fünf Mal in anderen Ländern.

Als ich dann zu den Windhunden wechselte, blieb ich den Rüden treu. Auch bei diesen war es für mich selbstverständlich, dass sie die formalen Zuchtvoraussetzungen erfüllten. Außerdem ging ich gerne zum Coursing, und war zum Teil sehr erfolgreich auf Ausstellungen unterwegs. Zwei Rüden stellte ich aber nicht zur Zucht zur Verfügung – den einen aus gesundheitlichen Gründen, den anderen, weil er nicht meiner Vorstellung eines „vermehrungswürdigen“ Rassevertreters entsprach.
In Windundkreisen begegnete ich einem ganz anderen Umgang mit dem Thema „Deckrüden“. Dort gibt es auch die „Popular Sires“, die länderübergreifend verstärkt zur Zucht eingesetzt werden. Bei Windhunderassen mit geringerer Populationsgröße und Zuchtaktivität hat das teilweise verheerenden Auswirkungen auf die genetische Diversität.
Dann gibt es die „eigenen Rüden“, die auch mehrfach, aber immer nur in der Zuchtstätte ihres Eigentümers bzw. bei dessen unmittelbaren Züchter-Freunden Verwendung finden.
Dazu kommen die Rüden, die vom Züchter „auf’s Sofa“ abgegeben wurden, und die der Züchter dann selbst zur Ankörung und auf die Ausstellung bringt, um ihn bei sich zur Zucht einsetzen zu können.
Insgesamt gewann ich den Eindruck, dass die Wahl des Deckrüden vielfach eher von persönlichen Beziehungen denn von rationalen züchterischen Beweggründen beeinflusst wird.
Selbstverständlich treffe ich auch auf die Züchter, die sich national und international umsehen, Hunde und Pedigrees betrachten und dann den Rüden wählen, der am besten zu ihrer Hündin und ihrem Zuchtziel passten.

Was aber bei den Windhunden – im Gegensatz zu meiner früheren Hunderasse – gar nicht passiert, ist eine Unterstützung der Deckrüdenhalter seitens des Verbandes. In meinem anderen Verein wurde jeder geplante Deckakt mit dem zuständigen Zuchtwart durchgesprochen, und dabei eben auch andere Rüden vorgeschlagen, die gut passen, aber ggfs. dem Züchter noch nicht aufgefallen war. Auch war die „Deckrüden-Schau“ auf den Clubsieger-Ausstellungen immer das Highlight für alle Züchter. Dort wurden alle teilnehmenden Rüden im Ring mit ihren Errungenschaften und Nachkommen einzeln vorgestellt, so dass man sich einen guten Überblick über das verfügbare „Rüdenmaterial“ verschaffen konnte.
Ich wunderte mich deshalb nicht wirklich, als mich neulich eine gute Freundin verzweifelt fragte, was sie noch tun könne, um ihren Windhund-Rüden „an die Hündin“ zu bringen. Sie hat einen durchaus erfolgreichen Rassevertreter am Start, der sowohl etliche Schönheits-Championate als auch herausragende Leistungen im Sport aufweisen kann. Die Freundin hat ein großes Netzwerk, publiziert die Erfolge ihres Rüden regelmäßig und besucht mit ihm Windhund-Veranstaltungen. Dennoch hat sich bisher niemand für ihn als Deckrüden interessiert – und das bei einer Rasse mit vergleichsweise hohem Welpenaufkommen. Schlussendlich hat er nun einen vielversprechenden Wurf in seinem Herkunfts-Zwinger gezeugt – ich bin gespannt, ob er jetzt auch von anderen Züchtern nachgefragt werden wird.
Vergleichbar mit dieser Freundin finden sich in meinem Freundeskreis etliche Personen, die bewusst nur Rüden halten, und genauso mit Bedacht (und Stolz!) ihre Rüden als Deckrüden zulassen. Diese Menschen haben ein großes Interesse an ihrer jeweiligen Rasse, eignen sich Wissen über Zuchtlinien, Genetik und auch praktische Gegebenheiten der Zucht an und sind damit manchem (Neu-)Züchter überlegen. Mehr als einmal habe ich es bei verschiedenen Rassen erlebt, wie wertvoll ein deckerfahrener Rüde und ein kompetenter Rüdenbesitzer für den Erfolg eines Zuchtvorhabens sein kann, wenn der Züchter selbst wenig erfahren oder einfach untalentiert ist.
Ebenso bereichernd ist es für alle Seiten, wenn der Deckrüdenbesitzer bei der Welpenaufzucht mit einbezogen wird, indem er beispielsweise frühzeitig Kontakt zu den Interessenten erhält, sie über die Besonderheiten der Rüdenhaltung informiert, sie später zu Ausstellungen begleitet oder in den Hundesport einführt. Auf diese Weise können neue Freundschaften entstehen, und der Züchter als alleinige „Anlaufstelle“ wird entlastet.

Meines Erachtens brauchen wir viel mehr von dieser Art Deckrüden-Besitzer – und sollten unsere Welpenkäufer dazu ermutigen, dass diese sich einbringen. Das beginnt schon beim Welpen-Verkauf: Ein Mensch, der sich gezielt für den Erwerb eines Rassehundes entscheidet, hat üblicherweise bestimmte Erwartungen an seinen Hund. Da kann man als Züchter ansetzen und „die Saat säen“: Um in Zukunft auch weiter gesunde, freundliche, rassetypische Hunde züchten zu können, ist man auf den Beitrag der Welpenkäufer angewiesen. Falls für die Windhund-Rasse spezielle Gesundheits-Untersuchungen wie der Herz-Ultraschall vorgegeben sind, kann man die Welpenkäufer bitten, diese Tests auch bei ihren Hunden vornehmen zu lassen. Selbst wenn diese Hunde nie in die Zucht kommen werden, sind deren Untersuchungsergebnisse ausgesprochen wertvoll für den weiteren züchterischen Einsatz ihrer Eltern und Geschwister. Man kann auch schon während der Welpenbesuche gleich einen Termin für ein Nachzucht-Treffen verabreden, möglicherweise auf einer Windhund-Veranstaltung im Freien. Wenn man dem „Kunden“ erklärt, warum es für den Züchter wichtig ist, dass der verkaufte Welpe vielleicht auch einmal bei einer Ausstellung oder einer Körveranstaltung vorgestellt wird, stößt man oft auf überraschend viel Entgegenkommen. Viele Menschen, die eigentlich „nur“ einen Familienhund haben möchten, fühlen sich geschmeichelt bei der Aussicht, dass ihr Hund möglicherweise sogar zuchtwertvoll sein könnte.
Umgekehrt ist es natürlich klar, dass man einen Welpen mit wenig Potenzial oder gar zuchtausschließenden Fehlern deutlich als solchen deklariert und einen guten „Pet-Platz“ für ihn sucht.
Von Verbandsseite aus sollten Rüdenbesitzer ermutigt werden, ihre Hunde ankören zu lassen. Auch ihre Teilnahme an Züchterseminaren ist unbedingt unterstützenswert. 
Als Informationsplattform für die Züchter kann die Webseite des Verbands dienen, auf der nicht nur eine Liste der gekörten Rüden, sondern idealerweise auch eine Kurzvorstellung mit Bild, Körbericht und Kontaktdaten erfolgt. Dies gibt es bisher nur für wenige Windhund-Rassen im DWZRV – und Greyhound-Züchter nutzen deshalb private Initiativen wie die Facebook-Seite „Greyhound Stud Dogs“ oder die „Sire Pages“ der Greyhound-Data.
Zusätzlich würde das Angebot einer Deckrüden-Schau sicher gut angenommen werden. Dazu wäre an sich die Verbandssieger-Ausstellung der geeignete Rahmen. Aufgrund der Vielzahl von Rassen und des oft internationalen Publikums bieten sich aber wohl eher die Jahres-Ausstellungen dazu an.
Probieren wir es aus – machen wir unsere Deckrüdenbesitzer zu einer ebenso wichtigen Stütze der Windhundezucht wie unsere Züchter!  Nicht zuletzt, weil wir nur so auch auf Dauer die für die genetische Diversität unserer Windhund-Rassen so dringend benötigte Anzahl an unterschiedlichen Elterntieren aufbringen können…

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