The Greyhound Show

25.10.2017

Inzucht und Wein

Filed under: Auf den Greyhound gekommen,Gesundheit,Literaturtip — admin @ 14:13

…sind sicher ein Gesprächsthema und ein Getränk, mit dem sich Greyhound-Freunde prima den einen oder anderen Abend vertreiben können. Es ist aber auch der Inhalt eines Vortrags, den die polnische Biologin Natalia Bialokoz bereits im Jahr 2008 auf dem Whippet Congress in Schweden gehalten hat. Und der sehr gut erklärt, was es mit dem Inzuchtgrad in der Rassehundezucht auf sich hat, und warum man ihn beachten sollte. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin, hier geht’s zum englischen Original-Text.

Am Rande des Aussterbens – Gorillas, Blauwale und….Whippets?
Wenn man an einige bekannte gefährdete Arten denkt – wie den Berggorilla mit nur noch 720 lebenden Exemplaren weltweit, den Sibirischen Tiger mit nur noch um die 500 Tieren oder den Blauwal mit ungefähr 5000 Vertretern – mag man es erstaunlich finden, dass diese Populationsgrößen nicht ausreichen, das Überleben dieser Arten zu sichern.
Unglücklicherweise entspricht das aber der Wahrheit – sie befinden sich am Rande des Aussterbens. Wie viele Einzeltiere gebraucht werden, um das Überleben einer Art zu sichern, hängt von vielen Faktoren ab: Umwelt, durchschnittliche Lebenserwartung, Reproduktions- und Generations-Intervalle, Anzahl der Nachkommen bei einer Trächtigkeit und etlichem mehr.
Wir sind jedoch in der Lage, mit Hilfe einer ausgeklügelten Software die niedrigste Anzahl von Individuen zu bestimmt, die das Überleben einer betrachteten Population gewährleisten können. Das wird in der Genetik „kleinste überlebensfähige Population“ (MVP) genannt.
Die genauen Zahlen unterscheiden sich je nach Art, aber eine grobe Schätzung für Säugetiere liegt bei 4000 Individuen.
Wenn eine Population weniger Einzeltiere als diese Anzahl aufweist, können wir sie als gefährdet einstufen und wissen, dass sie zum Überleben Hilfe brauchen wird.
Sehr viele Rassen sind so selten, dass wir sie mit Sicherheit vom genetischen Standpunkt aus als „vom Aussterben bedroht“ betrachten können. „Aber das betrifft doch sicherlich nicht die Whippets!“könnte jetzt jemand einwenden. „Worüber sprechen wir hier? Sind Whippets nicht viel zahlreicher vertreten? Wir haben doch viele tausend Rassevertreter auf der ganzen Welt!“

Leider läge er damit nicht ganz richtig. Ja, es stimmt: Weltweit gibt es ziemlich viele Whippets. Beispielsweise wurden in Schweden nur in den letzten zehn Jahren 626 Würfe geboren mit 3383 Welpen, was ungefähr der Anzahl der zuchtfähigen Tiere in diesem Zeitraum entspricht. Eine beeindruckende Anzahl wenn man bedenkt, dass es nur die Population eines Landes umfasst – und noch nicht mal die höchste ist.
Allerdings wurden in dieser Zeit nur 298 Rüden und 436 Hündinnen zur Zucht verwendet – das ist nur ein winziger Teil der Whippet-Population, ungefähr 21 %. Der Rest hätte – vom genetischen Standpunkt aus betrachtet – auch gar nicht existieren können.
Wenn wir also über die Größe der Whippet-Population nachdenken, sollten wir nur die Tiere in unsere Überlegungen einbeziehen, die mindestens einmal zur Zucht verwendet wurden.
Zusätzlich ist diese Population aufgrund der angewandten Zuchtverfahren weit von den Zuständen in einer naturbelassenen Population entfernt – die Hunde sind ingezüchtet, viele von ihnen tragen dieselben Gen-Kombinationen. Wir haben eine sehr strenge Selektion, und nur wenige, künstlich ausgewählte Tiere dürfen sich fortpflanzen – dabei signifikant weniger Rüden als Hündinnen.
In „idealen Population“ (wie es in freier Wildbahn vorkäme), hat jedes Tier eine einzigartige genetische Ausstattung, und Kombinationen von Genen wiederholen sich nicht häufiger, als statistisch zu erwarten wäre. In ingezüchteten Populationen ist dagegen das Gegenteil der Fall: ganze Gen-Kombinationen wiederholen sich in verschiedenen Tieren. Daher tragen manche Tiere im genetischen Sinn nichts zur Population bei – alles, was sie anbieten können, haben andere Hunde auch. Sie sind daher keine „effektiven Mitglieder“ der Population. Um solche Population zu beurteilen, bestimmen Genetiker anhand eines Algorithmus ‘ die Anzahl einzigartiger Individuen mit genetischer Diversität in der jeweils betrachteten ingezüchteten Population. Das nennt man „effektive Populationsgröße“. Dieser Wert gibt uns Auskunft über die echte genetische Diversität in der Population. Diese Berechnungen sind sehr komplex, es müssen viele Variablen berücksichtigt werden, es gibt eine spezielle mathematische Formel dafür. Die Details würden hier zu weit führen, aber hier ist eine einfache Schlussfolgerung aus solchen Rechenexempeln: Die effektive Populationsgröße ist niemals höher als das Vierfache der Anzahl verwendeter Deckrüden.
In Schweden hatten innerhalb der letzten zehn Jahre nur 298 Rüden Nachwuchs. Das ergibt die effektive Populationsgröße von 1192 genetisch einzigartigen Individuen. Also sind 2/3 der Population „ineffektiv“. Und, wie wir weiter oben ausgeführt haben, kommen aufgrund von züchterischer Selektion auf Exterieur- oder Leistungsmerkmale nur 21 % davon überhaupt in die Zucht.
Wenn man also sowohl die populationsgenetische Sicht und die künstliche Selektion gemeinsam betrachtet, kommen wir bei ungefähr 250 Hunden aus. Das ist die gesamte schwedische Population, nur um die sieben Prozent aller in Schweden geborener Whippets. Und diese Zahlen sind vergleichbar in allen anderen Teilen der Erde. Darüber hinaus muss man sagen, dass Schweden noch einen vergleichsweise niedrigen Inzucht-Koeffizienten hat und viele Rüden zur Zucht einsetzt. In Ländern, wo Whippets nicht so populär sind, oder wo Inzucht weiter verbreitet ist, kann dieser Prozentsatz sogar noch geringer sein. 250 Hunde – diese Anzahl bringt uns gefährlich nahe an die vorhin erwähnte „kleinste überlebensfähige Population“.

Inzucht und Wein
Vorab die Bemerkung, dass aus Sicht eines Genetikers „Inzucht“ jede Paarung zweier Tiere beschreibt, die gemeinsame Vorfahren haben. Die Aufteilung in „Inzucht“ und „Linienzucht“ ist lediglich züchterisches Brauchtum, hat aber keine sonstige Grundlage.
Es gibt deutliche wissenschaftliche Belege, dass Inzucht negative Auswirkungen sowohl auf die Gesundheit des Einzeltieres als auch auf das Gedeihen der gesamten Population hat.
Es wird gesagt, dass wir keine Probleme mit Inzucht-Effekten haben, dass unsere Rasse sich aktuell in so gutem Zustand befindet und Gesundheitsprobleme jeglicher Art so selten auftreten, dass man keinerlei Maßnahmen ergreifen müsse.
Manchmal wird auch geäußert, dass es absolut keine Notwendigkeit gibt, die Zuchtmethoden zu ändern – zumal ja so viele Züchter diese seit langem mit großem Erfolg angewandt haben, und nie irgendwelche Probleme aufgetreten sind. Fortwährende Inzucht wird als beste oder gar einzige Methode angesehen, um Show-Qualität zu erzielen.
Unglücklicherweise ist die Realität alles andere als frei von Problemen. Inzucht hat eine Menge mit gemeinsam mit dem Konsumieren von Alkohol. Der Genuss eines oder zweier Gläser Wein ist für die meisten Menschen sicher, ruft keine negativen Begleiterscheinungen hervor und mag einer Mahlzeit das gewisse Extra zu verleihen. Viele Leute werden auch keine unerwünschten Auswirkungen verspüren, wenn sie ein drittes oder viertes Glas trinken. Aber es gibt niemanden, der eine unbegrenzte Menge Wein trinken kann und keinerlei schädliche Effekte erfährt. Wenn sich jemand für etwas Stärkeres entscheidet, und Vodka anstelle von Wein trinkt, kann man das Eintreten negativer Begleiterscheinungen noch schneller erwarten.
Mit der Inzucht verhält es sich genauso.
In den meisten Fällen wird die einmalige oder gar zweimalige Verpaarung verwandter Individuen keine sichtbaren negativen Auswirkungen haben. Auch wenn man die Inzucht ein drittes Mal oder noch öfter in dieser Reihe fortsetzt, scheint es in manchen Fällen keinen Schaden anzurichten.
Und hier ist es wieder wie mit dem Alkohol: je „stärker“ die gewählte Option ist (je näher die Tiere verwandt sind), desto schneller wird man einen Effekt sehen.
Befürworter enger und wiederholter Inzucht sagen manchmal etwas in der Art: „Wir machen das seit Generationen, und die Züchter vor uns haben das genauso gemacht, und es gibt keine negativen Auswirkungen, nur gute Ergebnisse – also ist es sicher, so weiter zu machen.“ Das ist vergleichbar zu jemandem, der sagt: „Ich habe vier Gläser Wein getrunken, ich fühle mich wunderbar und habe keine unerwünschten Begleiterscheinungen bemerkt – damit habe ich bewiesen, dass der Konsum dieser Menge sicher ist, und ich genauso sicher weitere vier oder acht Gläser trinken kann.“
Wir können diesen Vergleich noch weiter treiben: Obwohl es offensichtlich ist, dass negative Auswirkungen zu erwarten sind, wenn man eine Flasche Wodka an einem Abend austrinkt, kann man ohne Probleme dieselbe Menge konsumieren, wenn man nach ein oder zwei Gläsern etwas anderes isst und trinkt, einige Zeit wartet, und vielleicht ein paar Tage später ein weiteres Glas trinkt. Auf diese Weise wird man wohl nie irgendwelche negativen Begleiterscheinungen beobachten. Umgekehrt gilt das übrigens auch: Wenn jemand zu oft zu viel trinkt, reichern sich die unerwünschten Effekte an und selbst, wenn derjenige komplett mit dem Trinken aufhört, ist der Schaden bereits angerichtet und der kann nie mehr das „untrinken“, was er vorher zu sich genommen hatte.
Gegenwärtig haben wir folgende Situation – eine ganz andere, als sie sich zu Zeiten der Rassegründung darstellte:
Inzucht wurde über etliche Generationen wiederholt, unsere Rasse überlebte ein paar ernsthafte genetische Flaschenhälse – den schlimmsten während des 2. Weltkriegs, der eine beachtliche Abnahme der Populationsgröße verursachte. Es gibt zahlreiche Hunde, die in fast jeder Whippet-Ahnentafel auf der gesamten Welt vorkommen.
Die Gründer der Rasse, oder sogar Züchter in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts, befanden sich in einer anderen Situation: Ihre Hunde befanden sich näher an den Gründertieren, die Anzahl an bereits vorgenommenen Inzucht-Verpaarungen war kein Vergleich zu dem, was wir heute vorfinden.
Selbst wenn es für sie damals recht sicher gewesen wäre, ein paar Male mehr inzuzüchten, is es heute nicht mehr so unbedenklich. Unsere Rasse hat bereits „zu viele Gläser Wein getrunken“.

“Houston, wir bekommen ein Problem!”
Welche Probleme müssen wir befürchten, wenn wir nicht unsere Zuchtverfahren ändern, und die Whippet-Population noch stärker ingezüchtet und noch homozygoter wird?
Erstens: Wir können davon ausgehen, dass einige genetische Erkrankungen häufiger als in der Vergangenheit auftreten werden, weil mehr Hunde für den verursachenden Gen-Ort homozygot sein werden. Wissenswert diesbezüglich ist, dass jede Erbkrankheit, auch wenn sie nur bei ein paar Tieren in Erscheinung tritt, bei einer viel größeren Tierzahl im Erbgut verankert ist, ohne dass man es sieht. Ein Beispiel: Wenn nur 1 % der Hunde an PRA erkranken, tragen aber bis zu 18 % das Gen dafür. Das trifft für alle in unserer Rasse vorhandenen genetischen Erkrankungen zu. Man geht davon aus, dass jedes Individuum vier oder fünf defekte, gesundheitsschädigende Gene trägt. Das kann man nicht vermeiden, das trifft für jedes einzelne Individuum zu. Manche werden sogar noch mehr Defekt-Gene tragen, und das ist umso wahrscheinlicher, wenn sie stark ingezüchtet sind.
Das zweite Problem steht in Zusammenhang mit dem Immunsystem unserer Hunde, und ist vermutlich ein weniger bekannter Effekt gesteigerter Inzucht und Homozygosität. Vor vielen Jahren dachten die Menschen, dass das erreichen möglichst kompletter Homozygosität das ultimative Ziel bei der Zucht von Haustieren sei.
Es erschien so einfach – das ideale Tier würde alle erwünschten Gene für gute Eigenschaften tragen, und diese ausschließlich und zuverlässig an alle seine Nachkommen weitergeben. Der Traum aller Züchter würde Wirklichkeit werden! Es stellte sich jedoch bald heraus, dass das wesentlich komplizierter ist, als man begann, diese Idee in die Tat umzusetzen.
Labor-Mäuse sind ein Beispiel für annähernd komplett homozygote Tiere. Man könnte denken, sie sind der beste Beweis, dass Inzucht die zuverlässigste Methode sind, um gesunde Linien zu erhalten, die frei von jeglichen letalen Genen sind. Leider ist das nicht ganz zutreffend – in Wahrheit ist es komplett falsch.
Ja, diese Linien sind frei von letalen Genen. Aber jede trägt eine Anzahl von Krankheits-Dispositionen sowie eine Liste von Infektionen, die die zugehörigen Tiere nicht bekämpfen können! Diese Tiere können tatsächlich nur in einer sehr sauberen, fast sterilen Umgebung gehalten werden, müssen mit ausgesuchter Spezialnahrung gefüttert werden – und sind trotzdem hochgradig empfänglich für Infektionen aller Art. Was stimmt mit ihnen nicht? Ihre Immunsysteme haben Fehlfunktionen.

Systemfehler
Homozygosität ist auf direktem Wege mit Immunität verbunden. Das Immunsystem basiert auf dem sogenannten MHC (Major Histocompatibility Complex). Der MHC ist zuständig für die Kennzeichnung der körpereigenen Zellen als dem Organismus zugehörig (damit sie nicht angegriffen werden) und alle „Eindringlinge“ wie Bakterien oder Viren als körperfremd, so dass sie als Gefahr wahrgenommen und von spezialisierten Abwehrzellen zerstört werden können. Das Problem ist, dass jede Zelle, deren Aufgabe es ist, köpereigene oder körperfremde Zellen zu markieren, jeweils nur einige wenige ähnliche Muster erkennen kann. Und es gilt, viele tausende mögliche „Invasoren“ zu identifizieren, zu markieren und zu zerstören. Darum gibt es sehr, sehr viele Gene, die den MHC kodieren. Zusätzlich sind die Gene für MHCs recht merkwürdig organisiert, und die Zellen des Immunsystems können unterschiedliche Kombinationen daraus erstellen, was sie in die Lage versetzt, mehr Arten von Eindringlingen zu markieren.
Aus diesem Grund können viele hunderte oder gar tausende von möglichen Invasoren nicht mehr erkannt, markiert und bekämpft werden, wenn nur ein Teil eines solchen Gens verloren geht.
Da jedes Individuum eine einzigartige Ausstattung an MHC-Genen trägt, ist es recht unwahrscheinlich, dass ein wichtiger Anteil möglicher Kombinationen in einer zufälligen Verpaarung verschütt‘ geht. Die meisten Individuen sind heterozygot für die meisten Gene des MHC, sie haben die eine Hälfte von ihrer Mutter, die andere von ihrem Vater geerbt und sind so in der Lage, Invasoren jeglicher Art zu markieren und zu bekämpfen. Aber Inzucht erhöht den Grad an Homozygotie. Wenn der Anteil der Mutter genau dem des Vaters entspricht, wird ein Welpe nur ungefähr die Hälfte des MHC-Gene erhalten, die es geerbt hätte, wären seine Eltern nicht miteinander verwandt gewesen (und hätten daher auch unterschiedliche „Ausgaben“ der MHC-Gene getragen). Das bedeutet, dass dieser Welpe vielleicht einige Krankheiten recht gut wird abwehren können, aber anderen Erkrankungen schutzlos ausgeliefert sein wird, weil ihm die Zellen fehlen, um den Erreger zu markieren. Und genau das ist die Situation, die wir bei den Labor-Mäusen beobachten können. Ein weiteres, damit in enger Verbindung stehendes Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass das Immunsystem nicht nur fremde Zellen kennzeichnet, sondern auch körpereigene.
Wenn aus irgendwelchen Gründen die Fähigkeit, alle Arten körpereigener Zellen zuverlässig zu identifizieren, beeinträchtigt ist, können einige der eigenen Zellen aus Versehen als „Fremd, gefährlich!“ gekennzeichnet werden. Das führt dann zu Autoimmunerkrankungen.
Andererseits kann eine eingeschränkte Fähigkeit des MHC-Systems bei der Erkennung körpereigener Zellen auch dazu führen, dass Krebszellen versehentlich als „Zugehörig, in Ordnung!“ ausgewiesen werden und der Krebs ohne Einschränkungen wuchern kann. Es ist bekannt, dass einige Familien von Mäusen und Ratten besonders anfällig für bestimmte Krebsarten sind (nun ja, sie wurden auch gezielt darauf gezüchtet). Wenn wir also nicht die Heterozygosität in unserer Rasse fördern, können wir von einer Zunahme unterschiedlicher Autoimmun-Erkrankungen genauso ausgehen wie vom vermehrten Auftreten einiger Krebs-Arten.

Auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen.
Die Notwendigkeit zur Steigerung der Heterozygosität scheint bei Whippet die einzig logische Schlussfolgerung. Und es ist absolut möglich, das bei gleichzeitiger Beibehaltung des Aussehens / der Arbeitseigenschaften unserer Hunde zu erreichen.

Nach der Lektüre einiger Artikel über Diversität bei Rassehunden kann man jedoch den Eindruck gewinnen, dass man zur Zucht genetisch gesunder Hunde die am wenigsten miteinander verwandten Hunde auswählen, Ausstellungs- oder Sport-Erfolge komplett außer Acht lassen und sich darauf konzentrieren sollte, die höchstmögliche Anzahl unterschiedlicher Namen in der Ahnentafel stehen zu haben. Das impliziert, dass man wählen muss: entweder kann man gute Rassevertreter in Hinblick auf Exterieur oder Leistung züchten, oder man kann die Diversität fördern, aber man kann nicht beides gleichzeitig tun. Eine Art binäres System.
Das ist nicht zutreffend.
Wir züchten Whippets nicht nur, um deren Anzahl auf der Welt zu erhöhen. Wir haben mit Sicherheit etliche Zuchtziele, und genetische Gesundheit ist nur eines von vielen. Es wäre wirklich albern, Hunde mit einer außergewöhnlich hohen Anzahl unterschiedlicher Vorfahren zu züchten, mit einem Inzucht-Koeffizienten nahe 0 % – und nichts weiter. Die meisten Züchter möchten, dass ihre Hunde mehr als reine Liebhaber-Tiere sind. Sie suchen zumeist ihre Deckrüden unter denen heraus, die auf einem Gebiet herausragen. Deshalb hätten unsere (vom Standpunkt des Genetikers aus) perfekten genauso gut nie geboren sein können, weil niemals jemand diese Tiere zur Weiterzucht eingesetzt hätte – und wie bereits gesagt wurde: Nur die Individuen, die sich reproduzieren, sind von Bedeutung. Einen Wurf von großer genetischer Diversität, aber geringer Qualität zu züchten, wird der Rasse auf lange Sicht nicht helfen. Aber selbst, wenn Sie ein strenger Verfechter der Inzucht sind, können Sie etwas zur Steigerung der Diversität der Rasse beitragen. Fünf Prozent sind immer besser als nichts, und in Computer-Simulationen können wir sehen, dass diese geringe Veränderung schon einen großen Unterschied machen können – sogar entscheidend für Überleben oder Aussterben einer Population.
In der Tat sind ständige Fremd-Verpaarungen in Populationen mit nur hunderten von Individuen nicht möglich. Oder nur für einen ziemlich begrenzten Zeitraum. Wir haben zu wenige getrennte Zuchtlinien, um in der Lage zu sein, über mehrere Generationen Fremd-Verpaarungen vornehmen zu können. Wenn jeder Züchter auf einmal danach strebt, so weite Verpaarungen wie möglich vorzunehmen, werden in zwei oder drei Generationen keine separaten Linien mehr übrig sein, weil jeder Hund eine Kombination bereits existierende Zuchtlinien ist.
Ein gewisser Grad an Inzucht ist nicht zu vermeiden. Wir sollten aber trotzdem stets im Hinterkopf behalten, dass Inzucht Probleme verursachen kann. Sie sollte weise und respektvoll eingesetzt werden, und nicht „weil es jeder macht“.
Es ist möglicherweise schwer zu glauben, dass wir überhaupt gerade irgendwelche Probleme haben. Zur Zeit sind Whippets eine auflagenstarke, verhältnismäßig gesunde Rasse ohne offensichtliche Probleme. Aber hier ist Weitsicht angebracht. Es wäre nicht besonders klug, wenn wir abwarten, bis alle die Sachen tatsächlich eintreten, die wir schon heute aufgrund populationsgenetischer Gesetzmäßigkeiten vorhersagen können. Wenn diese Dinge eintreten, wird es bereits zu spät sein. Wir befinden uns an einem sehr guten Zeitpunkt, um uns über die Lösung zukünftiger Probleme Gedanken zu machen. Wir haben viele gesunde, hervorragende Hunde, wir haben viele Möglichkeiten, den Gesundheits-Status unserer Rasse zu verbessern, nicht zu verschlechtern – aber ohne dass die Züchter ihre Herangehensweise überdenken, wird diese Verbesserung nicht von alleine eintreten.
Es ist der ideale Moment, Zucht-Praktiken zu entwerfen und umzusetzen, die unseren Whippets eine großartige Zukunft sichern werden – nicht nur im Ausstellungsring oder anderen Aktivitäten. Sondern auch in Bezug auf genetische Gesundheit.

Von Natalia Bialokoz, Poland
Natalia Bialokoz ist Biologin mit eine Spezialisierung in Genetik, und eine ehemalige Mitarbeiterin der Fachabteilung Genetik der Schlesischen Universität (Polen). Ihre Schwerpunkte sind Populationsgenetik vs Zuchtpraktiken, genetische Diversität bei Hunden und ihre Bedeutung für die Gesundheit, Zuchtstrategien zur Kontrolle genetischer Defekte. Sie interessiert sich außerdem für Farbgenetik bei Whippet. Seit mehr als 15 Jahren befasst sie sich mit der Rasse Whippet als Ausstellerin und Züchterin („Intron“).

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