The Greyhound Show

7.8.2017

Abschied nehmen

Filed under: Allgemeines,Auf den Greyhound gekommen — admin @ 06:51

Als unpraktische Tierärztin bin ich höchst selten mit den praktischen Aspekten des Hunde-Einschläferns betraut. Alldieweil aber viele meiner Freunde Hunde haben, und weil die meisten dieser Freunde langjährige sind, kommt das Thema „Abschied nehmen“ in schöner Regelmäßigkeit auf den Tisch. Ich weiß nicht, ob man als Veterinärmedizinerin und Mehrhundehalterin da irgendeine Expertise unterstellt bekommt, aber gerade in den letzten Monaten wurde ich von ganz unterschiedlichen Menschen genau zu diesem Aspekt der Hundehaltung befragt. Die Fragen und Aussagen gleichen sich: „Wie erkenne ich, dass der Zeitpunkt gekommen ist, meinen Hund gehen zu lassen?“ „Ich möchte die Entscheidung nicht treffen müssen.“ „Am liebsten wäre es mir, er schläft einfach in seinem Körbchen ein und wacht nicht mehr auf.“

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Das Gleiche gilt für jeden Menschen, der sich einen Hund vertraut macht. Wie selbstverständlich übernehmen alle meine Freunde diese Verantwortung – sie kaufen teures Futter, gehen in die Hundeschule, machen weite Spaziergänge, investieren in weiche Körbchen, lassen den Vierbeiner medizinisch versorgen, planen Urlaube hundegerecht, buchen Hundesitter, ändern ihre Garderobe und treffen sich mit ihnen unsympathischen Menschen, weil die Hunde sich so gerne mögen. Nur die eine, vielleicht wichtigste Verantwortung, möchten sie gerne weit von sich weisen. Der Grund dafür ist eigentlich immer der, so lange wie möglich mit seinem geliebten Vierbeiner zusammen zu bleiben. Das führt manchmal zu befremdlichen, bisweilen tierschutzrelevanten Auswüchsen. Da wird versucht, einen Hund mit multiplen bösartigen Tumoren mit obskurer Naturheilkunde zu behandeln, als sei es eine Erkältung, die wieder weggeht.
Da wird ein gelähmter großer Hund über mehrere Jahre (!) mehrfach täglich in den Garten getragen und bekommt die Blase ausgedrückt.
Da ist die Angst des Halters, ohne den Hund an seiner Seite nicht mehr klarzukommen, so groß, dass Hunde längere Zeit als Intensivpatienten mit allen dazugehörenden Begleiterscheinungen (Inkontinenz, Atemnot, nässende Wunden, nicht heilende Entzündungen…) gepflegt werden, ohne dass es überhaupt eine Aussicht auf Besserung gibt.
Was ich von meinen Kolleginnen in der Praxis bisweilen höre, und was auch der Nicht-Hundehalter dem Tierfreund gerne mal unterstellt, habe ich jedoch noch nicht in meinem Freundeskreis erlebt: Dass jemand einen (alten) Hund leichtfertig töten lässt, weil dieser zwar noch gesund und munter, aber vielleicht altersbedingt etwas anstrengender oder einfach nur lästig geworden ist.

Weil Hunde eine so viel kürzere Lebensspanne als wir Menschen haben, gehört die Beschäftigung mit dem Abschiednehmen zur Hundehaltung dazu. Das sind keine
Neuigkeiten, das weiß jeder, der einen Hund in sein Leben lässt. Von daher sehe ich die Gespräche mit meinen Freunden über dieses Thema auch als richtig und wichtig an.
Schwierig wird es immer dann, wenn die Beschäftigung mit dem Tod des geliebten Vierbeiners zu viel Raum einnimmt – sei es davor, sei es danach.
Ein krasses Beispiel war ein Freund, der einen gesunden, kraftstrotzenden, etwa zehnjährigen Rüden sein eigen nannte. Dieser gestandene Hundehalter thematisierte immer wieder, dass er irgendwann ohne diesen Hund (welcher übrigens nicht sein einziger war!) weiterleben müsse und brach dabei auch regelmäßig in Tränen aus.
Der Rüde wurde übrigens bei guter Gesundheit dreizehn Jahre alt.
Die meisten Hundebesitzer trauern aber erst, nachdem sie sich von ihrem Freund verabschieden mussten. Diese Trauerarbeit ist notwendig, und wird sicher nicht dadurch gelindert, dass einem das Umfeld rät: „Jetzt ist es doch mal gut, es war ja nur ein Hund.“
Was dieser Hund im Einzelnen für diesen Menschen bedeutet hat, kann ein Außenstehender oft gar nicht ermessen. Für viele ist der Hund die einzige langjährige Konstante im Leben, der Begleiter durch gute und schlechte Zeiten, der zweibeinige Partner hat kommen und möglicherweise gehen sehen, x-fach mit umgezogen ist, der die Kinder mit großgezogen hat, dem man Freunde, Bekanntschaften und manchmal auch ein neues Hobby zu verdanken hat.
Einer meiner Freunde, der ein sehr bewegtes Leben und exakt eine solche Konstante in seiner sehr langlebigen Hündin hatte, hat neben seiner Trauer nach deren Tod zusätzlich ein enorm schlechtes Gewissen entwickelt. Ihm fiel fast täglich wieder irgendeine Situation ein, wo er seine Hündin seines Erachtens nach nicht angemessen behandelt habe – sei es, dass sie mal (dick eingepackt mit Mantel und Decke) zwei Stunden im Auto warten musste, weil er zum Essen verabredet war, sei es, dass er ungeduldig mit ihr war, weil sie bei Regenwetter nicht aus dem Auto steigen wollte. Am Ende jeder dieser „Schuldeingeständnisse“ kam dann stets die Frage: „Habe ich sie damit schneller unter die Erde gebracht?“. Dieser Zustand hielt mehrere Monate an.
Eine andere Bekannte, die ebenfalls einen ausgesprochen langlebigen Hund besaß, der ihr Leben in weit mehr als nur einem Aspekt beeinflusst und bereichert hatte, fand gar ihr Leben nach dessen Tod nicht mehr lebenswert – sie hat sich inzwischen glücklicherweise wieder gefangen.
Das sind natürlich extreme Ausprägungen, jedoch sollte man sich mit Kategorisierungen wie „normal“ oder „krankhaft“ bei Trauer zurückhalten.
Für diejenigen, die sich vielleicht noch nicht von einem Hund verabschieden mussten, helfen möglicherweise meine eigenen Erfahrungen:
Bei meinen Hunden habe ich es immer gemerkt, wenn „es soweit war“. Bisher war das bei einem Hund mit sieben Jahren (aufgrund einer fortschreitenden Herzerkrankung), bei einem mit zehn Jahren (aufgrund zunehmenden Lähmungserscheinungen wegen Degenerativer Myelopathie) und einmal mit vierzehn Jahren (plötzlich auftretende Lähmung – Rückenmarksinfarkt?) der Fall. Und jedes Mal habe ich bei meinen Hunden wahrgenommen, dass sie diese meine Entscheidung angenommen und begrüßt haben – ich kann das Gefühl nur mit dem Wort „Seelenfrieden“ beschreiben.

Es sind eigentlich nur drei Fragen, die man sich stellen sollte:
– Leidet mein Hund?
– Hat mein Hund Lebensqualität?
– Besteht Aussicht auf Besserung?

Kann man Frage 1 und 2 mit „Ja“ beantworten, Frage 3 aber nur mit „Nein“, sollte man schnellstmöglich den letzten Gang mit seinem Hund antreten – alles andere wäre unfair.
Und bei der Beantwortung von Frage 2 sollte man sehr, sehr ehrlich zu sich sein. „Lebensqualität“ heißt für die allermeisten Hunde nicht „atmet, frisst und kackt ohne Hilfestellung“. Wer sich unsicher ist, schaue sich alte Fotos seines Hundes an und überlege, woran dieser zu seinen besten Zeiten immer am meisten Freude hatte. Geht davon noch irgendetwas (eventuell mit altersgemäßen Einschränkungen), oder beschränkt sich das Hundelebens eben nur noch auf „atmet, frisst und kackt ohne Hilfestellung“?
Manchmal hilft es auch, sich vorzustellen, wie man selbst den Zustand des Hundes beurteilen würde, gehörte dieser einer anderen Person. Oder sich direkt die Meinung eines genügend distanzierten guten Freundes einzuholen. Und es ist keine unangemessene Vermenschlichung, wenn man sich auch die Frage nach Würde oder eben Würdelosigkeit der Situation für den Hund stellt.

Die Wahl des richtigen Zeitpunkts
Viele Hundebesitzer scheinen um jeden Preis den Anschein vermeiden zu wollen, irgendeine pragmatische Entscheidung im Umgang mit der Euthanasie des eigenen
Hundes getroffen zu haben. Wird der Hund z.B. vor dem Familienurlaub eingeschläfert, könnte ja jemand annehmen, man wollte sich den lästigen Hund „vom Hals schaffen“ oder „das Geld für die Hundepension“ sparen. Wenn man es aber nüchtern betrachtet: Welchen Mehrwert hat es, einen Vierbeiner mit infauster Diagnose noch mit in den Campingurlaub nach Italien zu schlörren oder ihn für zwei Wochen in einer fremden Umgebung unterzubringen, nur um ihn dann nach den Ferien zu erlösen? Dem Hund ist der Termin reichlich egal – er hat nicht das Gefühl „vor dem Urlaub entsorgt zu werden“. Er weiß nur, dass er von seinem Leiden erlöst wird – und diesen Zeitpunkt sollte man nicht unnötig herauszögern, nur weil man dumme Unterstellungen von Außenstehenden fürchtet.
Ein weiterer Punkt, über den viele Hundehalter stolpern, kann ein gewisses Gefühl der Erleichterung sein, wenn die Entscheidung getroffen wurde. Einerseits, weil die Entscheidung endlich gefallen ist, andererseits, weil sich das Leben der Halter danach verändern wird. Gerade, wenn gesundheitliche Einschränkungen des Vierbeiners das eigene Leben für eine gewisse Zeit mehr oder weniger bestimmt haben, darf man sich dieses Gefühl zugestehen und es durchaus genießen, wenn man jetzt wieder Zeit oder Gelegenheit für Dinge hat, die vorher nicht möglich waren.
Machen Sie die Fernreise, gehen Sie mal wieder abends ins Kino, bleiben Sie sonntagsmorgens einfach mal lange im Bett liegen! Wenn Sie noch weitere Hunde haben, unternehmen Sie mit diesen die Ausflüge, die vorher vielleicht nicht mehr möglich waren, füttern Sie die Leckerchen, die eventuell vorher bei allen Hunden wegen der Diät des Seniors vom Speiseplan gestrichen waren!
Sie werden noch lange Zeit das Phantomknarren des Körbchens hören, alles Essbare hochstellen, überlegen, ob sie noch Spezialfutter besorgen müssen oder beim Öffnen des Kofferraums „Hopp“ sagen. Seien Sie versichert – irgendwann kommt die Zeit, wo Sie darüber schmunzeln können. Und an bestimmte Anekdoten oder Verhaltensweisen ihres Hundes zurückdenken, ohne den schmerzhaften Stich der Trauer zu fühlen. Sondern ein wohlig-warmes Gefühl, und die tiefe Dankbarkeit, das alles erlebt zu haben.
Und vielleicht sind Sie dann bereit, einen neuen Hund in Ihrem Leben willkommen zu heißen. Nicht als Ersatz, sondern als weitere Bereicherung. Ich bin mir sicher: Ihr verstorbener Hund hätte nichts dagegen!
Alles Gesagte gilt übrigens unabhängig davon, ob Sie Ihren Hund nach einem langen, erfüllten Leben oder aber aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls zu früh haben gehen lassen müssen. Man kann es Schicksal oder Vorsehung nennen, aber ich glaube fest daran, dass Hunde im Leben ihres Menschen eine Aufgabe erfüllen. Manchmal ist die dafür zugedachte Spanne kurz, manchmal ist sie lang. Unsere Verantwortung ist es, immer das Beste daraus zu machen – so wie unsere Hunde jeden Tag auf‘s neue aus vollem Herzen annehmen, bereit, Zuneigung zu schenken und Fehler zu verzeihen.
Zur Anschaffung eines Hundes gehört es, sich Gedanken über den „Tag X“ zu machen, damit man nicht vollkommen unvorbereitet getroffen wird, wenn es soweit ist. Ich empfinde es übrigens als ganz große Gnade, dass wir bei Tieren würde- und ausweglose Lebenssituationen beenden können. Versuchen Sie einmal, es aus dieser Perspektive zu betrachten – das nimmt dem „Tag X“ viel von seinem Schrecken.
Oberste Priorität muss stets das Wohl des Hundes sein, und nicht das das eigene Befinden, wenn man auf einmal wieder auf sich alleine gestellt ist. Und wenn das
geklärt ist, sollte man es mit Snoopy halten:

3 Comments »

  1. So weit, so gut – vor Jahren hätte ich das oben Geschriebene damit auch stehen gelassen.

    Das kann ich aber nicht mehr.

    Seit ich meine Erfahrungen mit telepathischer Tierkommunikation gemacht habe und mache, ist für mich völlig klar:
    Tierärzte, Tierschutz-Orgas, Tierheime müssten generell mit Tierkommunikatioren zusammen arbeiten.

    Zum einen steht der Mensch nicht mehr „grübelnd“ rum und seufzt „wenn er/sie nur reden könnte“, zum anderen vermitteln uns die Tiere Einblick in IHRE Ansichten zu Leben und Sterben und die ist überraschend anders und sehr erhellend und befreiend.

    Telepathische Kommunikation mit Tieren müsste „normal“ werden, dazu gehören.

    Liebe Grüße
    Alexandra

    Kommentar by Alexandra Heinbrich — 8.8.2017 @ 18:26

  2. Sehr geehrte Frau Heinrich,
    ich habe mir mal das Vergnügen mit einer „Tierkommunikatorin“ gemacht. Es ging um meine beiden Hündinnen. Bei der Ersten habe ich der Dame Null Input gegeben. Als es um die Zweite ging, habe ich ihr ein paar Brocken gegeben, aus denen sie dann eine Geschichte gemacht hat. Aber auch völlig daneben.

    Ihr „Berufsstand“ kommt mir vor wie die „Hellseherinnen“ und Kartenlegerinnen die über irgendwelche Hotlines ihr Haushaltsgeld aufbessern. Von diesen Damen kenne ich ein paar persönlich, die zugeben, dass alles „Bla-bla-blub“ ist und sie durch geschickte Fragestellung Informationen von den Anrufern zu bekommen.

    Dies wird beim Tier sicher nicht funktionieren und bleibt daher der Phantasie des „Tierkommunikators“ und der Wunsch-/Leichtgläubigkeit der Besitzer überlassen.

    Kommentar by Ilka Fink — 9.8.2017 @ 21:46

  3. Das meiste aus dem Text unterschreibe ich sofort!
    Nur bei der Entscheidung, wann ich ein Tier gehen lassen muss, bin ich nicht so ganz damit einverstanden. Mir ist aufgefallen, dass die meisten Tiere sehr genau kommunizieren ab wann sie gerne gehen möchten. Und das ist ganz oft nichtmal erst dann, wenn sie seit drei Wochen nur noch auf der Seite gelegen haben, sondern viel früher. Gerade Hunde verabschieden sich regelrecht und vegetieren dann vor sich hin (atmen, fressen, kacken). Andere wollen nicht und nehmen durchaus noch rege am Umfeld teil. Solange das in einem schmerzfreien Zustand möglich ist, finde ich das auch komplett in Ordnung. Ob das die Bezugspersonen immer so gut verkraften ist die andere Frage.

    Und vielen Dank auch für das Statement, dass sich keiner schämen muss, wenn er sein Tier aus guten Gründen gehen lässt! Man ist kein Mörder (O-Ton einer Freundin, die sich so gefühlt hat, nachdem sie ihren Hund mit Mastzelltumor + reichlichen Metastasen einschläfern ließ), sondern man übernimmt eine Verantwortung!Das ist keine leichte Entscheidung und macht keinen Spaß und das Leben geht auch nicht einfach so weiter, aber man hat sie und man sollte manchmal auch einfach ein kleines bisschen stolz auf sich sein, dem Hund nicht nur ein schönes Leben sondern auch ein würdiges Ende bereitet zu haben. Der Tod gehört dazu, sehen wir ihn doch mal nicht immer als eine Art Strafe an sondern als Beweis dafür, dass wir einem treuen Gefährten genauso treu zur Seite gestanden haben wie er uns die ganz Zeit!

    Zum Thema Tierkommunikation lass ich mich lieber nicht aus. Ich bin zwar ausgebildete Tierheilpraktikerin, aber nicht gerade glücklich mit diesem Zweig der „Heiler“.

    Kommentar by Sandra Germann — 10.8.2017 @ 09:51

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