The Greyhound Show

30.6.2017

Artgerechte Bewegung

Filed under: Auf den Greyhound gekommen,Gesundheit,Literaturtip — admin @ 07:11

Ein insbesondere bei Irish Wolfhound-Freunden gut bekannter Artikel von Mrs Florence Nagle spricht einige grundlegende Prinzipien der Zucht und Haltung von Hunden an, die auch fast fünfzig Jahre später nichts an Gültigkeit eingebüßt haben. Und die man ohne weiteres auch auf unsere Greyhounds übertragen kann.
Interessant ist die Betonung der Bedeutung der freien, ausgiebigen Bewegung für die korrekte Entwicklung von Gebäude und Gliedmaßen – insbesondere in der Gegenüberstellung zur linearen Bewegung, also langsames Gehen, oder das Laufen neben dem Fahrrad oder gar Auto. Nach Mrs Nagles Beobachtung ist das freie Spiel und Galoppieren unabdingbar, um bei Junghunden die Entwicklung der Unterschenkel-Muskulatur und damit einer stabilen, parallelen Hinterhand zu fördern. Hinzu kommt aus heutiger Sicht ein zweiter Aspekt: Prof. Dr. Martin S. Fischer („Hunde in Bewegung“) hat nachgewiesen, dass freies Toben und Spielen essenziell für eine optimale Nährstoffversorgung im Gelenkknorpel ist und damit einen wichtigen Faktor zum Erhalt der Gelenksgesundheit darstellt. Wie kommt das? Die Knorpelsubstanz ist nicht durchblutet, sie „wird durch Diffusion ernährt, wie ein Schwamm, den man drücken muss, bevor er sich maximal mit Wasser vollsaugt. Ein gesunder Knorpel braucht Belastung, nur dann wird er auch ernährt“, so Fischer. Fischer konnte eindrucksvoll belegen, dass bei linearen Bewegungsabläufen (angeleinte Spaziergänge, Führarbeit bei Blindenhunden, Training am Fahrrad oder auf dem Laufband) nur begrenzte Anteile der Knorpelflächen beansprucht und damit auch versorgt wurden. Dies führte bei solcherart einseitig trainierten Hunden zum verfrühten Verlust an Knorpelsubstanz, damit auch zu Osteoarthrose und den damit verbundenen Symptomen wie Lahmheit und Bewegungseinschränkungen. Fischers Plädoyer zielte daher eindeutig auf Bewegungsvielfalt ab, wie sie nur beim freien Laufen und Spielen auftritt. Auch Hundesportarten wie Agility (wo etliche Lateralbewegungen und Sprünge ausgeführt werden) oder Lure Coursing verlangen dem Hund sein komplettes Bewegungsspektrum an und können – mit Bedacht und in Maßen betrieben – einen Beitrag zur langfristigen Gelenksgesundheit leisten.
Also beides Gründe, unseren Greyhounds regelmäßig und häufig die freie Bewegung zu ermöglichen, die sie so lieben (und vielleicht auch ab und zu mal eine Runde im Coursingfeld?). Leinenspaziergänge, Laufen am Fahrrad, auf dem Laufband oder auf der Rennbahn können dagegen das Training bestenfalls ergänzen, sind aber nicht als ausschließliche Form der körperlichen Ertüchtigung geeignet.
   
Nachfolgend nun die Übersetzung des Artikels (Original: MRS NAGLE ON BREEDING, EXERCISING AND HANDLING):

Mrs Florence Nagel über Zucht, Training und das Vorführen von Hunden
Florence Nagle 1894–1988 war einer dieser bemerkenswerten Hundeleute. Sie züchtete überrragende irish Wolfhounds, richtete alle Hounds inklusive der Afghanischen Windhunde, sie forderte den English Jockey Club heraus und gewann, so dass dieser weibliche Trainer zulassen musste, sie legte sich mit dem English Kennel Club an, der daraufhin weibliche Mitglieder aufnehmen musste. Sie hat viel über Zucht, Training und das Vorführen von Hunden geschrieben. Sie hat 65 Jahre lang Irish Wolfhounds in ihrer Zuchtstätte „Sulhamstead“ gezüchtet. Nachstehend eine Mitschrift ihre Kommentare auf einem Irish Wolfhound-Züchterseminar im Jahr 1971.
(Die folgende Mitschrift wurde von der Tonbandaufzeichung eines Züchterseminars mit Florence Nagle (Sulhamstead IWs, UK) von 1971 angefertigt. Mrs Nagle züchtete seit 1913 Irish Wolfhounds und hatte alle Hounds inklusive der Afghanischen Windhunde viele Male gerichtet.
„Ich versuche, einen Hund zu züchten, der immer noch seine ursprüngliche Aufgabe erfüllen könnte. Qualität, nicht Quantität. In meinem ganzen Leben habe ich nur acht oder neun Hündinnen zur Zucht eingesetzt, und keine davon mehr als dreimal.
Ich habe nur vierzehn Hunde, ich habe niemals mehr, und ich behalte meine alten. Aber man darf diesbezüglich auch nicht sentimental sein. Wichtig ist, Deine Welpen anzuschauen und zu sehen, ob Du einen dabei hast, der besonders ist. Behalte den, und dann lass‘ die anderen mit vierzehn Wochen ziehen.
Ich musste dreimal von vorne anfangen – wir konnten die Hunde während der Kriege nicht füttern. Und ich habe immer am Hinterende angefangen, das Hinterende ist wichtiger als das Vorderende, natürlich – das ist der Antrieb. Ein Hund kann sich mit einer guten Hinterhand und einer schlechten Vorderhand ordentlich voranbewegen, aber er kann sich nicht mit einer schlechten Hinterhand dahinschleppen.
Jeder Hund hat vermutlich drei Fehler. Aber manche Fehler sind gravierender als andere. Ein schlechter Körperbau ist ein entsetzlicher Fehler. Der Hund wird diesen an seine Welpen weitergeben. Ein falsch getragenes Ohr oder ein ausgeschlagener Zahn sind keine furchtbaren Fehler. Auch ist die Ausprägung des Kiefers wichtiger als ein oder zwei abgebrochene Zähne. Das Haarkleid ist übrigens auch nicht das allerwichtigste Merkmal.
Du musst bei der Zucht Wert auf das Wesen legen, und lass‘ Dir von niemandem erzählen, dass Inzucht schlechtes Wesen verursacht. Wenn Du auf gutes Wesen inzüchtest, wirst Du noch besseres Wesen erhalten, aber wenn Du mit schlechtem Temperament züchtest, wirst Du einen Hund erhalten, mit dem Du absolut nichts anfangen kannst. Solltest Du einen Hund mit schlechtem Wesen haben, hast du kein Recht, ihn zu verkaufen.
Meine Hündinnen sind alle sehr eng liniengezüchtet, man könnte auch sagen: ingezogen. Aber sehen Sie – ich habe einen Vorteil Ihnen allen gegenüber. Ich bin sehr alt und ich kenne alle Vorfahren aus grauer Vorzeit. Neben ihren Abstammungen kenne ich ihre Gesichter und ihr Exterieur und ich habe immer stark ingezüchtet.

Die Leute sollten die Finger von der Inzucht lassen, wenn sie nicht die ganzen Generationen davor kennen. Das ist kein Werkszeug für jemanden, der nicht weiß, was er tut, denn man kann damit genau so viel festigen wie eliminieren.

Wenn Sie ein guter Züchter sind – ein Züchter, der wirklich etws für die Rasse bedeutet – werden Sie nicht jede Menge Blindgänger produzieren. Ich habe die Geschichte schon oft erzählt; jemand sagte zu mir „Arme Mrs Nagle – wie öde ist das für sie: alle ihre Welpen sehen exakt gleich aus. Sie muss davon total gelangweilt sein.“ Nunja, das ist genau das, wofür ich die letzten fünfzig Jahre gearbeitet habe.
Ich züchte mit so wenigen Hündinnen, weil ich daran glaube, nur das Allerbeste für die Zucht zu verwenden. Deine Hündin sollte korrekt in allen Teilen sein, und ich denke, ein Großteil des Körperbaus kommt von ihr. Ich denke, sie macht 80% der Qualität der Welpen aus. Ein großartiger Deckrüde kann für Aufschwung sorgen, aber Sie bekommen nicht so häufig einen großartigen Deckrüden. Aber Sie können dafür sorgen, dass Ihre Hündinnen in Ordnung sind. Es ist nicht richtig zu sagen: „Oh, diese Hündin ist nicht so toll, aber zum Züchten reicht’s.“
Einige der Tiere, die heute zur Zucht verwendet werden, hätten sich niemals fortpflanzen sollen. Wenn Sie Massenzucht betreiben, passiert das. Die besten Züchter sind die, die nur das Beste zur Zucht verwenden, und das zahlt sich in der Qualität aus.
Glauben Sie mir, Sie werden bei der Zucht guter Hunde kein Geld verdienen. In der Tat ist das ein ziemlich teurer Luxus. Sie können Qualität nicht auf Masse produzieren. Wenn Sie Glück haben, erhalten Sie ein oder zwei Male im Leben einen sehr guten Hund, selbst wenn Sie sehr umsichtig zu Werke gehen. Wenn Sie mehr Welpen haben, als Sie ordentlich betreuen können, werden sie Fehler bekommen. Nicht notwendigerweise Erbfehler, sondern Fehler durch mangelnde Aufmerksamkeit. Selbst wenn sie gut veranlagt sind, werden sie sich schlecht entwickeln. Sie können nicht Quantität und Qualität gleichzeitig haben.

Training – benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand und überanstrengen Sie die Welpen nicht. Bewegung muss freiwillig sein. Sie dürfen weder Welpen noch Hunde jedweden Alters hinter einem Auto oder Fahrrad hinterherschleifen. Es gibt nichts Schlimmeres.
Langsames Gehen entwickelt die Muskulatur, aber es gibt nichts Besseres zum Muskelaufbau als den Galopp. Ich nehme Welpen mit auf ein Feld in der Nachbarschaft und lasse sie dort laufen. Mit ungefähr vier Monaten erwacht ihr Interesse an Dingen in ihrer Umgebung, und sie rennen um das ganze Feld. Mit fortschreitendem Alter sieht man, wie sich ihr Galopp verbessert.
Es ist so wichtig, das zu tun, wenn Ihre Hunde jung sind, weil Sie sie nie so gut bemuskelt bekommen werden, wenn Sie erst später damit anfangen. Nehmen Sie sie mit nach draußen und lassen sie miteinander eine oder zwei Runden galoppieren, das reicht. Damit werden Sie die Hinterhand und den Unterschenkel aufbauen. Wissen Sie, was der Unterschenkel ist? Der befindet sich zwischen dem Knie und dem Sprunggelenk. Wenn dieser Teil ordentlich bemuskelt ist, werden Sie keine X-beinigen Hunde haben. Ansonsten ist da nicht viel Muskulatur, die das Sprunggelenk während des Wachstums gerade hält, während der Hund heranwächst.
Außerdem möchten Sie Muskeln an der Schulter haben. Verfallen Sie nicht auf die dumme Idee, dies mit einer überladenen Schulter gleichzusetzen. Solange die Schulter gut gewinkelt ist, kann sie nicht überladen werden.
Das Vorführen – ein guter Hund, gut aufgebaut, steht selten schlecht da. Lassen Sie ihn einfach frei stehen, und er wird sich selbst wunderbar hinstellen. Keine „Hackney“-Trabaktion, bitte. Man möchte niemals einen hochsteppenden Bewegungsablauf in bei einem Galopper sehen. Das Ausstellungspublikum denkt, es sei chic, einen Hund vorbeitänzeln zu sehen. Das ist es nicht, das ist komplett falsch. In England lassen wir die Hunde sowohl im Schritt als auch im Trab im Ausstellungsring vorführen. Wenn der Hund korrekt im langsamen Schritt gehen kann, bedeutet das, dass seine Sprunggelenke genauso parallel sind, wie sie sein sollten.
Zu einem erstklassigen Hund gehört auch Ringpräsenz. Was ist das? Das ist der Hund, der hocherhobenen Hauptes in den Ring kommt und losmarschiert, ohne zum Hirschhals stranguliert zu werden. Bringen Sie Ihren Hund in den Ring, lassen Sie ihn frei stehen, und frei laufen, und dann werden Sie diese wertvolle Eigenschaft namens Ringpräsenz feststellen, was Sie immer nach vorne bringen wird. Wenn Sie den richtigen Körperbau bei Ihren Hunden ebenfalls haben. Dann wird es sie direkt bis an die Spitze bringen.

Florence Nagle, 1971

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